Ausruf: Oh, das tut mir aber leid …
Antwort: Bitte nicht, ich möchte nicht, dass Du meinetwegen leidest!
Das war der kurze Dialog zwischen zwei Freundinnen, bei denen die eine der anderen gerade erzählte, dass sie eine kritische Diagnose erhalten hat.
Was passierte dann?
Theoretisch können sich verschiedene Szenen entwickeln. Was in diesem (wirklichen) Fall passierte, war folgendes:
Die Freundin, die mitteilte, was ihr zugestoßen ist, war erschrocken und reagierte abwehrend auf das „Leidtun“. Sie empfand diesen so oft gedankenlos dahingesagten Spruch „… das tut mir aber leid“ in diesem Moment als Vorwurf. So als hätte sie mit dem, was sie gerade erzählt hatte, der Freundin weh getan. Nichts weniger aber war natürlich ihre Absicht – nicht das auch noch.
Aber noch etwas anderes spürte sie im selben Moment: Mitleid. Und das war nun etwas, das sie wütend machte. Mitleid … sie bedauert mich … wie kommt sie dazu … sie erniedrigt mich …
Solche Gedankensplitter tobten in ihr. Gleichzeitig war ihr vollkommen klar, dass ihre Freundin nie schlechte Absichten ihr gegenüber haben würde.
Doch in dieser Sekunde kam auch schon Quittung: Sie hörte – immerhin nur durchs Telefon -, wie ihre Freundin sich heftig beschwerte: Was das denn soll mit dem Leiden, sie leidet überhaupt nicht, sie wolle doch nur Anteil nehmen usw.
Da nahm sich die erste Freundin schnell ein Herz und versuchte, zu erklären, wie der Ausspruch „… das tut mir aber leid“ gerade in diesem Moment bei ihr ankam und in ihr wirkte und warum sie das so dezidiert von sich wies.
Da platzte sowas wie eine Bombe. Durchs Telefon kam: Sie bräuchte keine Belehrung, sie sei keine 12 (Jahre) mehr und überhaupt … es folgten weitere solcher Äußerungen.
Die Beschimpfte beendete das Telefonat.
Was folgte, war Funkstille für eine Weile. Die Freundin am anderen Ende der Telefonverbindung erhielt eine WhatsApp Nachricht in dem Sinn, man sollte, jede für sich, vielleicht einmal in sich gehen und das Gespräch nachvollziehen. Beiderseits sei sicher die Emotion etwas hochgekocht und würde sich bestimmt wieder beruhigen …
Das tat sie in Wirklichkeit auch, beide beruhigten sich wieder und sie hatten durchaus auch andere Themen … Soweit war dann alles in Ordnung.
Doch der Autorin dieses Textes ging die Geschichte nicht ganz so schnell aus dem Gedächtnis. Sie fasste den Entschluss, hier eine kleine Betrachtung über den Unterschied zwischen Mitleid und … Mitgefühl anzufügen. Und die kommt gleich hier. Zuvor noch: Sie geht davon aus, dass solche Gesprächs-Knäuel leicht entstehen, aber nicht immer leicht zu entwirren sind. Wenn Du das kennst, lies getrost weiter.
Der Ausspruch „… das tut mir aber leid“ – oft noch angereichert mit einem „sehr“ – findet Anwendung bei einer großen Zahl unterschiedlichster Anlässe. Das kann gehen vom Klecks auf der neuen Seidenbluse bis zur Todesnachricht der geliebten Oma. Und es ist ja auch so: Anlässe rufen bei den „Betroffenen“ – unabhängig von ihrer neutral betrachteten Tragweite – ganz unterschiedliche Höhen und Tiefen an Emotionen hervor. Mit der bekleckerten Seidenbluse kann die Welt untergehen … und wenn Oma geht, kann das vielleicht weit weniger Bewegung hervorrufen – je nach der individuellen, persönlichen Wichtigkeit des Anlasses.
„Es tut mir leid“ zieht aber immer auch etwas Unbehagliches mit sich. Derjenige, dem etwas leid tut, leidet unter Umständen tatsächlich, doch dieses Mitleiden hilft keinem. Es ist der Ausdruck einer momentanen emotionalen Bewegung. Es ruft evtl. noch eine spätere Nachfrage nach einem möglicherweise veränderten dann aktuellen Stand der Dinge hervor. Das war´s aber. Meistens jedenfalls.
Es ist nicht ganz einfach, den Unterschied zwischen dem „… es tut mir leid“, als Mitleid, zum Mitgefühl herauszuarbeiten. Gefühle sind ja bei beiden Begriffen im Spiel.
Zunächst einmal werden die Begriffe häufig einfach synonym verwendet – kein Unterschied. Schon da kann der Grund für viele Missverständnisse liegen.
Was hältst Du von dieser sozusagen allgemein gültigen Differenzierung:
Das Mitleid ist eine eher höfliche Äußerung, die möglicherweise schon etwas „Mitleiden“ hervorruft, jedoch eigentlich keinen Anlass gibt, etwas gegen das Leid des Betroffenen zu unternehmen. Entweder, weil keine Absicht oder einfach keinerlei Möglichkeit dazu besteht. Durchaus aber kann der/die Mitleidende etwas bedrückt sein. Das allerdings hilft dem „Betroffenen“ nicht.
Wird Mitgefühl empfunden und ausgedrückt, sollte da tatsächlich tiefes Mitempfinden und lebhaftes Verständnis für die Situation des Betroffenen vorhanden sein. Mitgefühl fühlt wirklich, physisch und psychisch, mit. So findet sich dieses Wort auch in Zeilen, die gesprochen oder geschrieben werden, wenn wirklich jemand gegangen ist.
Tiefes Mitgefühl ruft den Wunsch hervor, dem Betroffenen in irgendeiner Weise beizustehen, zu helfen, zu unterstützen. Selbst, wenn das vielleicht aufgrund der geografischen Situation gar nicht möglich ist.
Betroffene spüren den Unterschied. Auch wenn die Begriffe, wie erwähnt, oft synonym verwendet werden. Ein bisschen Klarheit wäre auch hier hilfreich.
Das, was empfunden wird, kommuniziert aber in jedem Fall viel stärker, als das, was gesagt wird. Und es wird meist auch genauso empfangen, wie es gemeint ist.
Was die beiden Freundinnen betrifft: Es ist gut möglich, dass beide bereits VOR ihrem Dialog etwas angespannt waren, was mit der jeweils anderen überhaupt nichts zu tun haben musste. So aber können Worte auf Stellen treffen, die bereits etwas gereizt sind – und dort Unheil anrichten. Das führt dann zu Reaktionen, die übermäßig erscheinen.
Es ist in jedem solcher Fälle sinnvoll, Dialoge und Gedanken noch einmal durchzuspielen. Die beiden haben das getan – und alles ist gut.
Und es gibt noch einen anderen Begriff, der da hineingehört: Selbst-Mitgefühl. Dieser Begriff hat mit Dir selbst zu tun und er ist noch gar nicht so lange in der diesbezüglichen Kommunikation unterwegs. Es gibt dazu einen Artikel genau hier in meinem Blog, klick doch einfach mal auf https://evelynrittmeyer.com/selbst-mitgefuehl/.

Ich wünsche Dir Geduld und hilfreiche Nachsicht mit Dir selbst – und die Gelegenheit dazu.
Übrigens: Wenn Du schnell und ganz persönlich ein Feedback geben und Antwort von mir haben möchtest, schreib mir einfach eine Mail: erc@evelynrittmeyer.com oder eine WhatsApp
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